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In alter Tradition: Nachhaltigkeit auf der Schusterbank

 

Schuhe die auseinanderfallen oder drücken, abgetragen oder fleckig sind? Bitte nicht in die Mülltonne! Wegwerfen ist unzeitgemäß findet das Studierendenwerk Heidelberg und reaktiviert eine alte Tradition: Schon vor 100 Jahren unterstützte es Studierende mit ermäßigten Preisen beim Schuhmacher und kostenlosem Leder. Reparieren ist um ein Vielfaches nachhaltiger, vor 100 Jahren zählten Schuhreparaturen noch zu den Lebenshaltungskosten. Ob aus Nachhaltigkeit oder Tradition, das Studierendenwerk Heidelberg setzt ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft: Die ersten 100 Studis, die ihre Schuhe oder Stiefel reparieren oder verbessern lassen, bekommen 10 Euro Preisnachlass im Jubiläumssemester. Darüber hinaus gibt es eine Aufklärungskampagne mit Tipps für den nächsten Einkauf, denn Nachhaltigkeit beginnt schon bei der Konstruktion und Materialauswahl. Ihr wollt wissen, was Schuhe und Stiefel wirklich nachhaltig macht und welche Reparaturen möglich sind? Dann bleibt gespannt auf die nächsten Beiträge.

10 Euro Rabatt:

Einfach ohne Termin vorbeigehen, Schuhe und Studi-Ausweis mitbringen und etwas für die Umwelt tun.

Damit ihr nicht suchen müsst:

Andreas Mauss
Schuhmachermeister
Märzgasse 22, 69117 Heidelberg (Altstadt)
Schuhmachermeister Andreas Mauss

 

Worauf kommt es an?

 

Ob Schuhe aus recyceltem Material oder veganen Lederalternativen, mit dem Slogan Nachhaltigkeit wird viel beworben. Sich als nachhaltig verkaufen ist nicht schwer, in der Regel findet sich ein Argument. Leider häufig unter Ausblendung anderer, die alles relativieren. Deswegen gehen wir fernab von jedem Marketing darauf ein, was einen Schuh tatsächlich nachhaltig macht. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Am Ende zählt die CO2e-Bilanz. Aber erstmal die Details:

 

  1. Komfort und Gefallen
    Fast immer unterschlagen, wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist die Frage wie gemütlich der Schuh ist und wie gut er gefällt. Tatsächlich ist das wahrscheinlich die wichtigste Voraussetzung – denn egal wie gering die Emissionen ausfallen: Wird er nicht getragen, kommt ein neuer und alles war für die Tonne.

 

  1. Lebensdauer
    Man kann darüber streiten, was auf Platz Zwei und Drei gehört, denn die Schuhlebensdauer und das Herstellungsmaterial gehören eng zusammen. Was nützt zum Beispiel ein Schuh aus umweltfreundlichen Materialien, wenn er nur ein Jahr hält? Nicht lieber auf die Klimasünde setzen, wenn sie dreimal so lange hält?

 

Die Lebensdauer von Schuhen hängt von zwei Kriterien ab: Der Langlebigkeit der Materialien und der Konstruktionsweise.

 

Die Konstruktionsweise oder Machart wird von den meisten Herstellern ausgeblendet, aber sie ist immens wichtig: Über 90% aller Schuhe werden so gefertigt, dass sie nicht dafür gedacht sind repariert zu werden – und entsprechend kurz halten. Auf die Machart kommt es an: Mit ihr gemeint ist, wie das Oberteil des Schuhs (der Schaft) mit dem Schuhboden (Sohle und Absatz) verbunden wird. Die meisten Hersteller verkleben beides, der Schuhboden ist aus Gummi oder Plastik und in einem Guss hergestellt. Einen Absatz erneuern? Schwierig, er und die Sohle bestehen aus einem Stück. Neubesohlen? Man kann es auf gut Glück versuchen, nur reißt beim Entfernen einer verklebten Sohle schnell das Schaftmaterial. Deutlich nachhaltiger sind deshalb Schuhe nach alter Traditionen: Genähte Exemplare. Unter nachhaltige Macharten fallen bspw. Rahmengenähte, Durchgenähte, Zwiegenähte und andere.

 

 

Sie können ohne Beschädigung des Oberteils neu besohlt werden und auch der Absatz lässt sich leicht reparieren. Das heißt sie haben „mehrere Leben“ und können bei passender Behandlung über zehn Jahre halten. Also zurück zu Altherrenschuhen? Wer möchte ja, aber es gibt auch immer mehr genähte Sneaker, der Markt wächst seit Jahren gewaltig und selbst manch Maßschuhhersteller spezialisiert sich auf Sneaker. Größter Nachteil: Der Preis. Wegen des Produktionsaufwands fangen genähte Schuhe erst bei 150 Euro an – und das ist noch vergleichsweise günstig und nur aus Ländern mit vergleichsweise niedrigen Stundenlöhnen möglich.

 

 

Wie wichtig die Lebensdauer oder Reparaturfreundlichkeit und selbst der Komfort von Schuhen ist haben wir im ersten Teil gezeigt, für ein vollständiges Bild für die Frage, was den nachhaltigen Schuh ausmacht, fehlen noch Materialauswahl und Lieferwege:

 

  1. Materialauswahl
    Bei der Materialauswahl ist ebenso die Langlebigkeit wichtig, aber auch die Emissionen ihrer Herstellung. Aus Textilien hergestellte Schuhe können bspw. mit einer vergleichsweise geringen CO2e-Bilanz hergestellt werden (Bsp.: Bio-Baumwolle), aber verglichen mit Leder halten sie nicht lange. Leder hingegen kann sehr langlebig sein, insbesondere wenn es regelmäßig gepflegt wird und die oberen Hautschichten verwendet werden (full grain oder top grain statt genuine leather). Die CO2e-Bilanz von Leder kann ganz unterschiedlich ausfallen und hängt von einer Reihe an Kriterien ab: Von welchem Tier stammt das Leder (Kühe und Kälber -> Zucht und Methanausstoß; Wild -> freie Wildbahn), wie wird das Leder gegerbt (pflanzliche oder Chromgerbung) und aus welchem Land kommt es. Viele asiatische Länder haben häufig miserable Umweltstandards, ihr chromgegerbtes Leder sorgt für starke Belastungen für Mensch und Umwelt (es gibt aber auch Ausnahmen, wie Japan). Die Herkunft spielt daher eine große Rolle: Europäische Gerbereien haben deutlich höhere Standards, auch häufig verrufene Chromgerbungen sind hier vergleichsweise umweltfreundlich.

 

 

Bei aus Plastik oder Lederalternativen hergestellten Schuhe geht es besser und schlechter: Recycle-Plastik hat in der Regel eine geringere CO2e-Bilanz als reguläres, vegane Lederalternativen eine um durchschnittlich ganze 30% geringere als reguläres Leder. Nur ist ihre Lebensdauer, verglichen mit hochwertigem Leder, um ein Vielfaches geringer – und die CO2e -Bilanz über die Jahre betrachtet deshalb höher. Steht Tierwohl im Vordergrund sind sie bessere Entscheidung, ökologisch gesehen leider nicht. Und wer argumentiert Leder sei nur ein Nebenprodukt der „Fleischproduktion“: Das stimmt nicht in allen Fällen. Es bleibt also die Qual der Wahl.

 

  1. Herkunftsland und Lieferwege
    Das Herkunftsland spielt aus verschiedenen Gründen eine Rolle: Es entscheidet über geltende gesetzliche Vorgaben, die den Umweltschutz, Gesundheitsschutz und Arbeitsbedingungen betreffen. Mit ihm stehen und fallen auch die Lieferwege vor (Materialbezug) und nach der Produktion (Lieferweg zum Verkaufsort), die immense Emissionen verursachen können, insbesondere wenn das Material erst einmal um die Welt fliegt und anschließend in Schuhform denselben Weg noch einmal nimmt. In Deutschland selbst produziert werden nur wenige Schuhe, bei europäischen Herstellern ist man daher auf der guten Seite; sie sollten idealerweise ihre Rohstoffe aus der Region beziehen. Ein möglichst transparenter Umgang mit Materialherkunft, der Herstellungsweise und der Arbeitsbedingungen sind gute Anzeichen für vielleicht tatsächlich nachhaltig produzierte Schuhe.

 

Fazit:

Es ist schwer zu entscheiden, was der nachhaltigste Schuh sein soll, dafür bräuchte es eine Art CO2-Bilanz-Rating (cradle to cradle), das verschiedene Hersteller in Relation setzt und die Langlebigkeit der Schuhe miteinrechnet. Ein solches gibt es nicht.

 

 

Deswegen hier noch einmal die Zusammenfassung, auf was es sich zu achten lohnt:

 

  • Komfort und Gefallen priorisieren (nicht getragen ist vergeudet)
     
  • Second-Feet-Käufe = Null-Emissionen
     
  • Handarbeit statt Massenproduktion (genähte Macharten vorziehen und auf Reparaturfreundlichkeit setzen -> Langlebigkeit)
     
  • Hiermit verbunden: Lieber wenige hochwertige als viele geringwertige Paare
     
  • Rohstoffe und Herstellung möglichst aus Europa
     
  • Wenn möglich auf recyceltes Material setzen (Bsp. Plastik)
     
  • Bei Leder keine Chromgerbung aus asiatischen Ländern, im Zweifelsfall auf pflanzliche Gerbung setzen
     
  • Und ganz grundsätzlich: Vor dem Kauf recherchieren und bei Interesse Hersteller anschreiben – das zeigt wie wichtig uns Nachhaltigkeit ist – influencing matters!

 

Und wenn der Schuh nicht mehr im besten Zustand ist: Wir zahlen euch die ersten 10 Euro Reparatur- oder Verbesserungskosten bei einem lokalen Schuhmacher, einfach ohne Termin vorbeigehen, Schuhe und Studi-Ausweis mitbringen und etwas für die Umwelt tun.

 

In alter Tradition: Reparaturen und Anpassungen von Schuhen – was ist möglich?

In einer fünfteiligen Beitragsserie informiert das Studierendenwerk Heidelberg über Nachhaltigkeitsaspekte bei Schuhen, gibt Tipps für den nachhaltigen Einkauf und zeigt welche Reparaturen möglich sind.

Nachhaltig einkaufen ist eine Sache, aber wirklich nachhaltig wird der Umgang mit Schuhen erst wenn man sie möglichst lange am Leben hält. Wir zeigen euch was sich beim Schuhmacher alles reparieren und verbessern lässt:

 

Absatzerneuerung und Schuhspitze:

Absätze sind häufig am schnellsten abgelaufen und lassen in vielen Fällen leicht reparieren. Wenn der Absatz aus einem Stück besteht muss er komplett ausgetauscht werden, hat er einen Absatzoberfleck, reicht es oft nur ihn auszutauschen. Im Idealfall lässt man den Oberfleck austauschen, wenn er zu zwei Drittel abgelaufen ist. Auch Stiftabsätze von High-Heels und abgelaufene Schuhspitzen lassen sich reparieren bzw. neu aufbauen.

Tipp: Mit Metallbeschlägen (Stoßplättchen) lassen sich Absätze und die Schuhspitze verstärken, so laufen sie sich nicht so schnell ab.

 

 

Neue Sohlen:

Mit Neubesohlungen ist es so eine Sache, was möglich ist und wie sie umgesetzt werden hängt stark von der Machart der Schuhe ab: Genähte Macharten wie rahmengenähte oder durchgenähte Schuhe sind geradezu dafür gemacht immer wieder neu besohlt zu werden, geklebte Macharten (die meisten Schuhe fallen in diese Kategorie) sind es nicht. Bei Letzteren gilt: Wenn das Entfernen der Sohle das Oberteil nicht beschädigt ist eine Neubesohlung möglich. Reißt es, war`s das. Neue Sohlen können aufgeklebt oder angenäht werden, wieder abhängig von der Machart. Im Zweifelsfall: Einfach den Schuhmacher fragen, er weiß was geht und was nicht. Löst sich lediglich ein Teil der Sohle und der Rest ist noch intakt kann er auch einfach wieder angeklebt werden – nur bitte mit speziellem Kleber.

 

 

Tipp: An manchen Sohlen lässt sich eine Schutzsohle aufbringen, die die eigentliche Sohle vor dem Abtragen schützt. Ledersohlen, wenn auch eher selten, halten länger, wenn sie regelmäßig mit Ledersohlenöl gestärkt werden.

 

In alter Tradition: Reparaturen und Anpassungen von Schuhen – was ist möglich?

In einer fünfteiligen Beitragsserie informiert das Studierendenwerk Heidelberg über Nachhaltigkeitsaspekte bei Schuhen, gibt Tipps für den nachhaltigen Einkauf und zeigt welche Reparaturen möglich sind.

Beim letzten Mal ging es um Neubesohlungen, Absätze, Schuhspitzen sowie Näh- und Klebearbeiten. Das war aber noch nicht alles was sich beim Schuhmacher machen lässt:

 

Austausch von Verschleißteilen:

Schuhe und Stiefel haben einige Verschleißteile, die sich austauschen lassen. Am häufigsten reißen Schnürsenkel, aber auch Reißverschlüsse können defekt werden oder Ösen (Ringe) und Haken brechen. Grundsätzlich gilt: so ziemlich alles lässt sich austauschen.

 

 

Reinigung und Farbauffrischung:

Ob Salzränder, Ketchup oder Fettflecken – wenn sich Schuhe verfärben braucht es spezielle Produkte – ein Schuhmacher hat sie. Gerade bei Leder ist es wichtig zu wissen was die richtige Wahl ist, da unterschiedliche Lederarten unterschiedlicher Mittel bedürfen. Manche Reiniger ziehen regelrecht die Farbe aus dem Material, aber auch das lässt sich richten. Eine Farbauffrischung ist natürlich auch unabhängig möglich, egal ob Sneaker oder klassisches Modell.

Tipp: Vor vielen Flecken kann man sich mit einem Imprägnierspray schützen.

 

 

Weiten und Größe anpassen:

Die Schuhgröße generell lässt sich zwar nicht ändern, die gefühlte Größe hingegen schon: Wird ein Schuh geweitet ist er nicht nur in der Breite bequemer, er bietet dank der geänderten Fußplatzierung im Schuh gefühlt auch mehr Platz nach vorne. Zum Weiten wird die entsprechende Stelle eingesprüht und der Schuh für ein paar Tage auf einen Schuhdehner gesteckt.

 

 

Ist der Schuh zu groß, lässt sich mit Einlegesohlen Abhilfen schaffen: Denn die Reduktion der Luft nach oben verkleinert auch den Schuhraum insgesamt. Einlegesohlen können fertig gekauft und verwendet oder aber auch vom Schuhmacher genau auf den jeweiligen Schuh zugeschnitten und eingeklebt werden, so dass sie nicht verrutschen. Darüber hinaus lässt sich im Innenraum ein Fersenpolster einnähen, das die empfundene Schuhgröße um etwa eine halbe Nummer verringert.

 

 

Habt ihr selbst einen Schuh oder Stiefel, an den mal jemand ran sollte? Wir zahlen euch die ersten 10 Euro, einfach ohne Termin bei unserem Partner vorbeigehen, Schuhe und Studi-Ausweis mitbringen und etwas für die Umwelt tun.

 

Fotos: Adobe stock -  AboutLife, shutterstock - leonov.o, AdobeStock - Alexander, Adobestock - Reimar, istockphoto - Christian Horz, Adobestock - Gina Sanders, istockphoto - Nastasic

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